NALAS VERMÄCHTNIS im Libanon

Manchmal hinterlässt ein kleines Leben etwas, das weit über seinen Tod hinausreicht.

Nala war eine kleine Hündin mit geknickten Ohren. Zweimal hatte Samer sie gerettet. Als sie ein drittes Mal Hilfe brauchte, kam jede Hilfe zu spät.

Schon zuvor hatte er Straßenhunde gefüttert, verletzte Tiere zum Tierarzt gebracht und mit Nala’s Legacy einen ersten Schutzort für besonders hilfsbedürftige Hunde geschaffen. Doch Nalas Geschichte warf eine Frage auf, die weit über das Schicksal eines einzelnen Hundes hinausging: Was geschieht mit all den Tieren, die niemand rechtzeitig erreicht?

Aus dieser Frage entwickelte sich ein größerer Plan. Es sollte ein Ort entstehen, an dem wesentlich mehr verletzte oder kranke Straßenhunde aufgenommen und dauerhaft versorgt werden konnten. Dazu gehörte die Idee einer eigenen tierärztlichen Station mit einem Notdienst rund um die Uhr. Gleichzeitig sollten gezielte Kastrations- und Sterilisationsprogramme helfen, die unkontrollierte Vermehrung einzudämmen.

Nicht nur die Folgen des Leids sollten behandelt werden. Auch seine Ursachen sollten angegangen werden.

Eine Vision, die viel Platz, Geld, Menschen und langfristige Unterstützung erforderte. Mit der Suche nach einem größeren Gelände begann der nächste Schritt, diese Pläne Wirklichkeit werden zu lassen.

NALA’S LEGACY 2.0 Ein Anfang, der keiner werden durfte

Die Suche nach einem geeigneten Ort führte zu einem weitläufigen Grundstück mit zahlreichen Hangars und Hallen. Rund 30 Hektar Land boten die Möglichkeit, deutlich mehr Tiere aufzunehmen und die geplante medizinische Versorgung aufzubauen.

Das Gelände war groß genug, um verschiedene Bereiche voneinander zu trennen und den Tieren ausreichend Platz zu geben. Doch bis daraus eine funktionierende Rettungsstation werden konnte, war noch einiges zu tun.

Es gab weder einen eigenen Brunnen noch eine bestehende Wasserversorgung. Auch die Finanzierung stellte eine erhebliche Herausforderung dar. Allein die Jahresmiete betrug 30.000 US-Dollar und musste im Voraus bezahlt werden.

Unter dem Namen Nala’s Legacy 2.0 sollte hier die bestehende Tierrettungsarbeit erweitert werden.

Am 7. Februar 2026 wurde deshalb eine GoFundMe-Kampagne ins Leben gerufen. Sie sollte helfen, aus den Plänen ein tragfähiges Projekt zu machen.

Doch noch bevor das Vorhaben umgesetzt werden konnte, veränderte der erneut ausgebrochene Krieg die Situation grundlegend.

Die zunehmende Gefahr machte eine Nutzung des Geländes unmöglich. Die Pläne wurden aufgegeben.

Was zunächst wie eine verlorene Gelegenheit erschien, bekam später eine noch schwerere Bedeutung: Das Grundstück mit seinen Hallen wurde durch Raketeneinschläge vollständig zerstört.

Ein Ort, der einmal Schutz für Tiere bieten sollte, war selbst dem Krieg zum Opfer gefallen.

Die Suche musste von Neuem beginnen.

DER ZWEITE VERSUCH Ein Neuanfang im Norden

Nach dem Verlust der ersten Mietoption musste eine andere Lösung gefunden werden. Die Tiere brauchten Platz, Versorgung und vor allem einen Ort, an dem sie nicht ständig den Gefahren des Krieges ausgesetzt waren.

Ende März 2026 ergab sich eine neue Möglichkeit im Norden des Libanon: ein rund 10.000 Quadratmeter großes Grundstück.

Der Zustand des Geländes war alles andere als ideal. Vieles war beschädigt und verwahrlost. Bevor dort Tiere untergebracht werden konnten, mussten umfangreiche Aufräumarbeiten stattfinden.

Trotzdem schien das Grundstück eine vorübergehende Lösung zu bieten. Arbeiter wurden organisiert, das Gelände aufgeräumt und erste Bereiche vorbereitet. Der Vermieter hatte seine Zustimmung gegeben.

Schließlich begann der Umzug.

Die Hunde wurden auf Lastwagen verladen und über Straßen transportiert, die durch den Krieg teilweise schwer beschädigt waren. Eine ohnehin schwierige Aufgabe unter Bedingungen, die kaum Raum für Fehler ließen.

Am neuen Standort wurde eine Halle provisorisch abgetrennt, um die Tiere unterzubringen.

Doch schon bald zeigte sich, dass der Ortswechsel nicht die erhoffte Verbesserung brachte.

Einige Hunde verhielten sich plötzlich anders, reagierten aggressiv und fanden sich nur schwer in der neue Umgebung zurecht. Auch in der Nachbarschaft stieß die Unterbringung der Tiere auf Ablehnung.

Die Situation spitzte sich zu, bis der Vermieter schließlich das Mietverhältnis beendete wegen Beschwerden der Nachbarn. Damit war auch dieser Versuch gescheitert.

Die Hunde mussten erneut auf den Lastwagen und den beschwerlichen Weg zurück in den Süden antreten.

Zurück nach Nala’s Legacy, an jenen Ort, den man gerade erst verlassen hatte.

Doch dort hatte sich die Lage inzwischen  Lebensgefährlich verschärft.

ZURÜCK IN DIE Kriegszone zwischen Evakuierung und Verantwortung

Die Rückkehr nach Nala’s Legacy führte die Hunde an einen Ort zurück, an dem längst nichts mehr sicher war.

Evakuierungswarnungen gehörten inzwischen zum Alltag. Straßen waren durch Angriffe beschädigt, in der Umgebung schlugen Raketen ein. Was am Morgen noch erreichbar war, konnte wenige Stunden später bereits zu gefährlich sein.

Doch nicht nur die Hunde in Nala’s Legacy waren betroffen.

Draußen, auf den Straßen und zwischen den zerstörten Gebäuden, blieben unzählige Tiere zurück. Verletzt, verängstigt, auf der Suche nach Futter und Wasser. Manche hatten ihre Besitzer verloren, andere waren schon lange auf sich allein gestellt. Für sie gab es keine Evakuierungspläne, keine sicheren Transportwege und oft niemanden, der nach ihnen suchte.

Auch für die Hunde in Nala’s Legacy war ein weiterer Umzug nach den Erfahrungen im Norden nicht kurzfristig zu organisieren. Sie mussten bleiben, während die Gefahr um sie herum immer größer wurde.

Schließlich kam der Moment, in dem auch Samer das Gebiet verlassen musste.

Bevor er ging, öffnete er mehrere Futtersäcke, füllte die Wasserstellen auf und ließ die Türen von Nala’s Legacy offen.

Es waren die letzten Vorkehrungen, die er unter diesen Umständen noch treffen konnte.

Dann musste er die Hunde zurücklassen.

Was in den folgenden Tagen mit ihnen geschah, wusste niemand. Ob sie ausreichend Futter und Wasser finden würden, ob weitere Raketen einschlagen oder die Tiere in Panik fliehen würden, blieb ungewiss.

Erst nach einigen Tagen war eine Rückkehr möglich.

Alle Hunde waren noch da. Und alle hatten überlebt.

Für einen Moment war die größte Sorge genommen. Doch die Erleichterung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich an ihrer Situation nichts Grundlegendes geändert hatte.

Der Krieg ging weiter.

Samer fuhr weiterhin regelmäßig in die gefährdeten Gebiete. Die Hunde in Nala’s Legacy brauchten Futter und Versorgung. Gleichzeitig warteten draußen andere Tiere auf Hilfe. Verletzte mussten zum Tierarzt gebracht, hungernde Straßenhunde gefüttert und neue Rettungen organisiert werden.

Manchmal begleitete ihn Shadow, die Huskyhündin, die er liebevoll seine „Queen“ nannte. Auf manchen dieser Fahrten lag sie sogar oben auf dem Autodach – ein ungewöhnliches Bild inmitten einer Zeit, in der kaum noch etwas gewöhnlich war.

Während ringsum Häuser zerstört wurden und Menschen ihre Heimat verlassen mussten, ging die Arbeit mit den Tieren weiter. Nicht unter sicheren Bedingungen, sondern inmitten einer Situation, die sich jederzeit erneut zuspitzen konnte.

Jede Fahrt war mit Risiken verbunden. Und selbst wenn alle Tiere am Abend versorgt waren, blieb die Frage, was der nächste Tag bringen würde.

Die vergangenen Monate hatten bereits gezeigt, wie schnell Hoffnungen auf einen neuen Standort scheitern konnten. Nun machte der Krieg auch deutlich, wie wenig Sicherheit die ursprüngliche Rettungsstation noch bieten konnte.

Ein weiteres Provisorium würde auf Dauer nicht genügen.

Aus der Suche nach mehr Platz wurde die Suche nach einem dauerhaften Zuhause.

DIE ENTSCHEIDUNG FÜR EIGENES LAND

Zwei Mietvorhaben waren gescheitert. Das erste hatte der Krieg zunichtegemacht, das zweite endete nach einem schwierigen Umzug und nur kurzer Zeit am neuen Standort. Die Hunde waren wieder zurück in Nala’s Legacy, wo die Gefahr weiterhin zum Alltag gehörte.

Doch während all dieser Monate war die Rettungsarbeit keinen einzigen Tag zum Stillstand gekommen. Samer war weiterhin täglich unterwegs, versorgte Straßenhunde, kümmerte sich um verletzte und kranke Tiere und rettete diejenigen, die dringend Hilfe brauchten. Auch während Grundstücke gesucht, Umzüge organisiert und neue Pläne geschmiedet wurden, ging das Leben draußen auf den Straßen weiter. Und mit ihm das Leid der Tiere.

Die vergangenen Monate hatten ihre Spuren hinterlassen.

Nach jedem Rückschlag musste Samer die Kraft finden, wieder von vorne anzufangen. Neue Hoffnung schöpfen, obwohl die vorherige gerade erst zerbrochen war. Es wurde zunehmend schwerer.

Er war müde. Müde vom Krieg, von der ständigen Unsicherheit, vom Leid, das ihm täglich begegnete. Müde davon, immer wieder etwas aufzubauen, ohne zu wissen, wie lange es bestehen würde.

Und doch warteten da draußen weiterhin Tiere, die Hilfe brauchten. Die Arbeit ließ sich nicht einfach unterbrechen, nur weil die eigenen Kräfte nachließen.

Gleichzeitig hatten die vergangenen Monate deutlich gemacht, wie unsicher die Zukunft einer Rettungsstation sein konnte, wenn sie von Mietverhältnissen, der Zustimmung anderer und einer sich ständig verändernden Sicherheitslage abhängig war.

Immer wieder neue Grundstücke suchen, Unterkünfte vorbereiten, Tiere transportieren und von vorne beginnen – auf Dauer konnte das keine Lösung sein.

Es brauchte einen Ort, der nicht nur vorübergehend zur Verfügung stand. Einen Ort, an dem die Tiere bleiben konnten und der langfristig nach ihren Bedürfnissen gestaltet werden konnte.

Im Mai 2026 nahm deshalb ein neuer Gedanke Gestalt an: Warum weiterhin mieten, wenn es vielleicht möglich wäre, eigenes Land zu kaufen?

Ein Grundstück, auf dem die Rettungsarbeit wachsen konnte, ohne bei jedem Rückschlag wieder ihren gesamten Standort infrage stellen zu müssen.

Damit veränderte sich auch die ursprüngliche Vorstellung von Nala’s Legacy. Aus der geplanten Erweiterung einer Rettungsstation entwickelte sich die Idee eines dauerhaften Lebensraums für Tiere, die oft schon zu viel erlebt hatten.

Doch ein eigenes Grundstück bedeutete eine völlig andere finanzielle Herausforderung. Neben dem Kauf mussten auch die Voraussetzungen geschaffen werden, um dort überhaupt Tiere unterbringen und versorgen zu können.

Die internationale Gemeinschaft, die Samers Rettungsarbeit inzwischen begleitete und unterstützte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Menschen aus verschiedenen Ländern halfen mit Spenden, organisatorischer Arbeit und öffentlicher Unterstützung. Aus vielen einzelnen Beiträgen war etwas Gemeinsames gewachsen, ohne das ein Vorhaben dieser Größenordnung kaum denkbar gewesen wäre.

Schließlich fiel die Wahl auf ein Grundstück.

16.000 Quadratmeter Land in einer hügeligen Landschaft des Libanon.

Kein fertiges Tierheim, keine bezugsbereite Rettungsstation. Sondern ein Stück Land, auf dem vieles erst entstehen musste.

Nach allem, was geschehen war, bedeutete diese Entscheidung nicht, dass die Schwierigkeiten vorbei waren. Es warteten neue Herausforderungen, viel Arbeit und eine Zukunft, die sich nicht vollständig planen ließ.

Doch anders als bei den bisherigen Mietobjekten sollte hier etwas Dauerhaftes aufgebaut werden.

Ein Ort, an dem die Tiere nicht schon wieder aufbrechen mussten, weil ein Mietvertrag endete oder ein weiterer Neuanfang scheiterte.

Nach all den Rückschlägen hatte die lange Suche endlich ein Ziel gefunden.

Was einst mit einer kleinen Hündin namens Nala begonnen hatte, bekam nun einen eigenen Ort. Einen Ort, an dem ihre Geschichte weiterleben und für viele andere Tiere eine neue Zukunft beginnen konnte.

So wurde NALA LAND geboren – A PLACE OF HOPE.